Der ganze Morgensternn

 

Nach Texten von Erich Kästner und Kurt Tucholsky stellt das Max-Tuch-Theater nun das Werk von Christian Morgenstern in einer Revue in der Tufa vor. Vor allem der Vortrag der Galgenlieder dürfte ganz im Sinne des vielseitigen, deutschen Dichters sein.

Trier. Die ersten Galgenlieder schrieb der junge Morgenstern für einen Ausflug mit Freunden. »Zunächst«, so der Dichter in einem Brief an einen Redakteur »sollten die Lieder nichts, als einigen jungen Toren, gleich mir selber, Vergnügen bereiten.« Die Gedichte sind besser zu verstehen, wenn man sich diese Grundsituation vor Augen hält.

Morgenstern hat im Kreise seiner Kumpels beispielsweise das Stück »Das Gebet« so vorgetragen, dass er sagte: »Die Rehlein beten zur Nacht« und die anderen nacheinander »Hab acht«, »Halb neun«, »Halb zehn« usw. einwarfen. Genauso hat Birgit Hoffmann auch die Christian-Morgenstern-Revue inszeniert. Als Vortrag von mehreren Personen. Wenn die Gedichte - vor allem aus den Galgenliedern, Palmström und dem Ginganz - nur von einem Erzähler deklamiert werden (können), reagieren die übrigen ein bis elf Darsteller zumindest mimisch und gestisch darauf.

Morgenstern schuf aber nicht nur heitere, komische Verse. Neben mehr oder weniger grotesken Ulkgedichten (»Der Lattenzaun«) und Wortspielen (»Der Werwolf«) finden sich in seinem Werk auch ernste, persönliche Beiträge, in denen der Sprachschöpfer, der fast 20 Jahre an Lungentuberkulose litt, sich mit dem Tod auseinander setzt (»Der gläserne Sarg«). Ziel der Revue »Die Rehlein beten zur Nacht« ist es, ein breites Bild vom Autor und seiner Arbeit zu vermitteln.

Dem Max-Tuch-Theater gelingt dies gut. Die Gegensätzlichkeit und die unterschiedlichen Stimmungen in Morgensterns Werk werden zum einen durch den Vortrag, zum anderen durch Pantomime - mal albern-verspielt, mal unheimlich - und Tanzeinlagen unterstrichen. Bernd Nink hebt vor allem die melancholischen Passagen mit schwerer, langsamer Klaviermusik hervor, die stellenweise an Stummfilmbegleitung erinnert.

Auch die phantasievollen Kostüme der Darsteller, die Alevtina Enders entworfen hat, spiegeln den Kontrast der Gedichte wider. Warme Braun- und Beigetöne stehen im Gegensatz zu blauen und grünen Pastelltönen, manche Kleidungsstücke gemahnen an Uniformen, andere an Schlafgewänder, die einen sind aus Leder und Stoff, die anderen aus Wolle und Seide (könnte auch Kunstfaser sein).

In »Die Rehlein beten zur Nacht« lernt der Betrachter auf kurzweilige Weise den melancholischen, den hoffnungsvollen, den makabren, den verspielten, den erfinderischen, den frommen und den skurrilen Christian Morgenstern kennen. Das liegt nicht nur an der Auswahl der Gedichte, sondern auch am Können der Schauspieler. Dass die zwölf Darsteller fast alle sehr begabt sind, merkt man nach der ausverkauften Premiere auch am Applaus. Jeder wird mit gleich viel Beifall und Jubel bedacht

 

Text: Christian Jöricke
www.hunderttausend.de im Oktober 2006  
 

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